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Der Fluch der Partisanen

(Sonntag, den 27. Februar 2011)

Von: Wolfgang Zwander

Die Dosen und Flaschen, der Schutt und die durch die Luft wirbelnden Plastiksäcke in der „Stadt der Toten“ erzählen mehr über Mostar als jeder Stadtführer. Bogdan Bogdanovićs monumentalstes Kunstwerk, eine in die Hügel gesprengte „Partisanennekropole“, ist verkommen zu einer Müllhalde. Die 810 im Weltkrieg gefallenen Partisanen, deren Seelen hier über Jahrzehnte ruhten, wurden aus ihrem Totenschlaf gerissen durch die Maschinengewehrsalven und Artilleriegeschosse des Bosnienkriegs. Nun, da einmal aufgeweckt, müssen ihre Seelen inmitten des Drecks das Dasein von Untoten fristen. Als Rache dafür, so heißt es, haben sie Bosnien und Herzegowina verflucht. Sie konnten ihren Nachfahren nicht verzeihen, dass diese sich untereinander die Schädel einschossen und einschlugen. Die Geschichte lastet auf den Partisanen so schwer, weil sie einst selbst ihre Brüder und Schwestern ermordet haben, voller Glauben, ein Land zu schaffen, das frei von Blutvergießen sein wird. Durch den säuselnden Wind fragen nun die verlorenen Seelen: Warum habt ihr nichts von uns gelernt? Warum habt ihr uns vergessen?

Die Folgen sind übel. Bosnien und Herzegowina, um es kurz zu sagen, ist ein Land, das die Hoffnung verlassen hat. Und wie sie wieder zurückkommen soll, das ist das große Rätsel dieses unregierbaren Staatenteppichs. Die Republika Srpska und die Föderation Bosnien und Herzegowina, die zusammen eine Nation bilden sollten, verbindet längst nur noch ihr Interesse am destruktiven Status quo. Die Regierungen der Teil-Republiken blockieren und misstrauen sich, keine der beiden ist bereit, ihre Macht gegen die Zukunft des Landes zu tauschen. Und der pro forma mächtigste Mann in Bosnien, der Hohe Repräsentant Valentin Inzko, täte nichts lieber, als sein eigenes Amt abzuschaffen. Nur, dass er das nicht kann, weil das Land dann wohl endgültig auseinanderfiele und womöglich sogar die Flammen des Krieges neu aufflackern würden. Die Folgen dieser Pattstellung sind übel: Hohe Arbeitslosigkeit, vor allem unter den Jungen; die Kinder werden nur schlecht ausgebildet; die Annäherung an die EU stockt; nur wenige Menschen interessieren sich für Politik, die meisten suchen Zuflucht im Privaten und bei der Religion, die das gesellschaftliche Leben immer bestimmter dominiert. Zutaten, mit denen kein prosperierender Staat zu machen ist.

Wer Sarajevo, Mostar oder Banja Luka vor fünf Jahren bereiste, konnte einen feinen, leisen Hauch von Aufwind spüren; wer dieselben Städte heute besucht, sieht eine Gesellschaft, die nur von Agonie stabilisiert wird. Der bosnische Journalist Pedrag Kukic, dem man keinen Gefallen machte, seinen richtigen Namen in die Zeitung zu schreiben, sitzt auf der Dachterrasse einer Bar in Mostar und erzählt dem ehemaligen EUKommissar Franz Fischler, was falsch läuft in Bosnien und Herzegowina. Kukic sagt, es gebe eine kleine Kaste von PolitikerInnen und GeschäftemacherInnen, nicht selten alte KP-Kader und ihre Nachfahren, die die Macht usurpiert halten würden. Jede Reform würde diese Mafia vor allem unter dem Gesichtspunkt betrachten, ob sie damit an Privilegien einbüßten. Und die einzige Kraft, die dieses Trauerspiel durchbrechen könnte, die Mittelschicht, sei in ihrer Mehrzahl noch zu geblendet von religiöser und nationalistischer Bigotterie, um gegen den Missstand aufzustehen.

Samen des Hasses. Fischler hört aufmerksam zu und begleitet Kukics Analyse mit stetem Nicken. Der ehemalige EU-Kommissar ist zu Besuch in Mostar, um ein Projekt zu besuchen, das im Kleinen das erreichen soll, was Kukic implizit einfordert: Die Entstehung einer widerständigen und selbstbewussten bosnischen Mittelschicht. Fischler ist Unterstützer der United World College Initiative Bosnia. Dabei handelt es sich um eine internationale Privatschule, die 2006 in Mostar mit dem Ziel eröffnet wurde, „Frieden durch Erziehung“ zu schaffen. Es ist die einzige Schule Mostars, wo BosniakInnen, KroatInnen und SerbInnen zusammen in der Klasse sitzen. Und der beste Beweis, wie wichtig dieses Projekt ist, sind die SchülerInnen. Fast allen der knapp 80 bosnischen StipendiatInnen ist der ethnische Scheuklappenblick auf ihr Land so fremd geworden, dass sie nicht mehr verstehen, wie vor knapp zwanzig Jahren dieses unheimliche Schlachten ausbrechen konnte. Mehrere solche Schulen wären der beste Garant für ein friedliches, prosperierendes Bosnien, sagen die SchülerInnen. Das Problem? Die PolitikerInnen winken ab. Sie behaupten, solch ein Schritt käme zu früh, die Menschen seien noch nicht reif dafür. Warum wird ihnen geglaubt?

Tito-Utopie. Der slowenische Psychoanalytiker Slavoj Žižek schreibt, der Balkan sei das Unbewusste von Europa. Wenn dem so ist, dann ist Bosnien das Unbewusste des Balkans. Bosnien war die Seele von Titos Versuch, in den Granitblock der Geschichte eine sozialistische Utopie zu hauen. Hier vermischten sich die Ethnien und Religionen unter dem Dach der Fabrikshallen – und dem der kommunistischen Partei; hier liebten Christen Muslimas und führten sie zum Traualtar – und umgekehrt. Das Bosnien der sechziger und frühen siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, glaubt man den Menschen nur die Hälfte ihrer Huldigungen, muss ein Ort der Prosperität gewesen sein, der den alten Marx im Grabe lächeln ließ. Doch unter dem Acker der Harmonie, auf dem Titos Utopie spross, lagen die Leichen der FeindInnen der KommunistInnen. Gesprochen durfte über sie nicht werden, sie waren der blinde Fleck Jugoslawiens. Der Partei genügte es nicht, ihre Opfer unter der Erde in Massengräbern verscharrt zu wissen, nein, aus schlechtem Gewissen trachtete sie danach, die Ermordeten mit krimineller Energie aus dem Bewusstsein der Geschichte zu drängen. Weil sich diese aber auf lange Sicht kein Schnippchen schlagen lässt, wurden die Mordopfer zu unsichtbaren, tief unter der Erde liegenden Samen des Hasses, die im jugoslawischen Unbewussten prächtig keimten. Und ehe sich das Land versah, waren die Geister der alten, für immer verschwunden geglaubten Ermordeten aufgetaucht – und überzogen das Land mit Terror. Jugoslawien, so schien es in den 1990er Jahren, hatte von allen Staaten Europas aus dem Zweiten Weltkrieg am wenigsten gelernt, obwohl, oder gerade weil es das einzige Land Mitteleuropas war, dass sich aus eigener Kraft von der Nazifaschistenbande befreien konnte. Und weil sich dieser große Sieg in eine so beschämende Niederlage verwandelte, müssen die untoten Partisanen weiterhin inmitten des Mülls in Bogdanovićs „Stadt der Toten“ umhergeistern, und können ihren Nachfahren als leisen Trost nur zuflüstern, dass es sich aus Niederlagen oft leichter lernen lässt, als aus großen Triumphen. Es scheint aber so, als ob ihnen nur noch der Wind zuhören würde.

Artikel: PROGRESS - Magazin der Ă–sterreichischen HochschĂĽlerschaft